{"id":2815,"date":"2018-03-13T14:36:27","date_gmt":"2018-03-13T13:36:27","guid":{"rendered":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/2018\/03\/schweizer-planungsmethoden-exportieren-ein-gegluecktes-gedankenexperiment-4\/"},"modified":"2025-08-27T12:27:55","modified_gmt":"2025-08-27T10:27:55","slug":"schweizer-planungsmethoden-exportieren-ein-gegluecktes-gedankenexperiment-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/2018\/03\/schweizer-planungsmethoden-exportieren-ein-gegluecktes-gedankenexperiment-4\/","title":{"rendered":"Schweizer Planungsmethoden exportieren? Ein gegl\u00fccktes Gedankenexperiment"},"content":{"rendered":"<p><em>Wie w\u00fcrde London aussehen, wenn kollabroative Schweizer Planungspraxis anstelle von rein investitionslogischen Kriterien angewendet w\u00fcrden? Dieses Gedankenexperiment trieb Simon Kretz, Oberassistent und Dozent am Lehrstuhl f\u00fcr St\u00e4dtebau und den englischen Architekten David Chipperfield so an, dass sie dazu die Publikation \u00abOn Planning \u2013 A Thought Experiment\u00bb herausgaben. Hier das Interview.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3><b>Simon, was war der Grund f\u00fcr dieses Unterfangen?<\/b><\/h3>\n<p>Der Grund ist die Frustration angesichts der st\u00e4dtebaulichen Entwicklungen in London, die man so \u00e4hnlich eigentlich fast \u00fcberall beobachten kann: Einerseits werden die zentralen Probleme wie beispielsweise die grassierende Wohnungsnot nicht ernsthaft angegangen. Andererseits bestimmt der Landwert sowohl die Dichte wie auch die Gestalt von Quartieren \u2013 und nicht umgekehrt. Das Wachstum der Stadt wird dabei von einer Investitionslogik bestimmt, deren gesellschaftlicher Mehrwert zusehends fragw\u00fcrdig erscheint. Dazu kommt, dass undurchsichtige Deals die Szene beherrschen und die Abschaffung von unabh\u00e4ngigen Expertengremien politische Seilschaften beg\u00fcnstigen. In diesem Kontext vermag zivile Gegenwehr zwar Bauvorhaben zu verz\u00f6gern, nicht jedoch qualitativ zu verbessern. In der Summe f\u00fchrt dies zunehmend zu Frustration und Resignation, nicht nur seitens Bev\u00f6lkerung und Planungsbeh\u00f6rden, sondern auch Entwickler und Investoren bem\u00e4ngeln neuerdings fehlende konzeptuelle Klarheit und Planungssicherheit. Dies f\u00fchrt einerseits zu einem konfrontativen politischen Klima, und andererseits werden dabei die Fundamente einer marktliberalen Stadtentwicklungspolitik untersp\u00fclt. Effizienz, Transparenz, Konsumentenn\u00e4he und Fairness werden zu leeren ideologischen Tropen. Aus diesen Gr\u00fcnden befindet sich die Planungskultur weltweit in vielen St\u00e4dten in einer fundamentalen Krise.<\/p>\n<h3><b>Und wozu soll das Gedankenexperiment dienen?<\/b><\/h3>\n<p>Wir wollten diejenigen Bedingungen herausarbeiten, unter denen ein ideales Stadtentwicklungsprojekt entstehen kann. Und wir wollten zeigen, wie Grossvorhaben einen positiven urbanen Nutzen f\u00fcr die unmittelbare Nachbarschaft und das gesamtst\u00e4dtische Umfeld haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3><b>Wie habt ihr das versucht?<\/b><\/h3>\n<p>Dies wurde auf zwei Arten versucht: Erstens anhand theoretischer \u00dcberlegungen zur Differenz von Urbanisiserung und Urbanit\u00e4t, aufbauend auf den Forschungsergebnissen zu den <a href=\"https:\/\/www.hochparterre.ch\/publikationen\/editionhochparterre\/weitere-buecher\/shop\/artikel\/detail\/urbane-qualitaeten\/?L=annsmcborwr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00abUrbanen Qualit\u00e4ten\u00bb<\/a>, die f\u00fcnf Professuren des NSL im Rahmen des Nationalen Forschungsprojekts NFP 65 erarbeitet haben. Zweitens versuchten wir mit Hilfe eines Fallbeispiels, dem Areal des ehemaligen G\u00fcterbahnhofs Bishopsgate in East London, alternative Planungsans\u00e4tze aufzuzeigen. Dabei haben wir diskursive Methoden der Schweizerischen Planungskultur im konfrontativ gepr\u00e4gten englischen Planungskontext experimentell angewendet und getestet.<\/p>\n<h3><b>Nehmen diskursive Planungen nicht viel mehr Zeit in Anspruch?<\/b><\/h3>\n<p>Wir haben kollaborativ angelegte Projekte aus der Schweiz mit umstrittenen aus Gro\u00dfbritannien verglichen und fanden heraus, dass die Entwicklungszeit mehr oder weniger die gleiche ist. Wenn man Bishopsgate mit einem der Schweizer Planungskultur abgekupferten Modell angehen und von Anfang an einen Modus festlegen w\u00fcrde, in dem die Stadt, die InvestorInnen und die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ihre Erwartungen einfliessen lassen k\u00f6nnten, k\u00e4me man genauso schnell zu viel integrativeren Ergebnissen. Dazu bedarf es jedoch Konzepte und Entw\u00fcrfe, die den Diskurs f\u00f6rdern. Entw\u00fcrfe also, die Deutung, Interpretation und Manipulation nicht nur als projektiven Selbstzweck, sondern auch als experimentelles Mittel zur Erreichung eines Erkenntnisfortschritts einsetzen. Um das zu testen, haben wir 36 Studierende des D-ARCH einbezogen und sie neun alternative Konzepte im Sinne von Gedankenexperimenten entwickeln lassen. Wir wollten sowohl Probleme und Konflikte wie auch Konsensfiguren und Potentiale auf verschiedenen Ebenen sichtbar und diskutierbar machen. Die Experimente haben uns nicht entt\u00e4uscht.<\/p>\n<h3><b>Das Schweizer Planungssystem als exportierbares Modell?<\/b><\/h3>\n<p>So einfach ist das nat\u00fcrlich nicht, denn jede Kultur hat ihre eigene Pfadabh\u00e4ngigkeit und Eigenheit. Nichts desto trotz sind Planungssysteme st\u00e4ndig im Wandel, und gegenseitiges Abschauen ist traditionell eine der wichtigsten Lernmethoden. In diesem Sinne hat das Schweizer Planungsmodell insbesondere bei Verfahren mit der Notwendigkeit breiter Abst\u00fctzung, raffinierter Ausgewogenheit verschiedener Interessen und lokaler Zustimmung viel zu bieten.<\/p>\n<h3><b>Gibt es eine allgemeine Aussage, die durch das Experiment sichtbar wird?<\/b><\/h3>\n<p>Unserer Gesellschaft fehlt oft die Geduld und der Mut, \u00fcber kollaborative Prozesse zu intelligenten Entscheidungen mit emergenten Qualit\u00e4ten zu kommen. Deshalb zerfallen Problemkomplexe leider allzu oft in einzelne Probleme, die dann entweder isoliert gel\u00f6st oder als Verhandlungsmasse in politischen Aushandlungsprozessen eingesetzt werden. (In diesem Kontext muss angef\u00fcgt werden, dass dieses Defizit auch nicht durch die schiere Anh\u00e4ufung von Experten verschiedener Fachbereiche wettgemacht werden kann.) Dabei verkommt Komplexit\u00e4t zu Kompliziertheit. Und Kompliziertheit f\u00fchrt schnell zu Konfusion und Vernebelung, die \u2013 wie wir gerade beobachten k\u00f6nnen \u2013 wenigen n\u00fctzt und vielen schadet.<\/p>\n<p><i>Das Projekt entstand im Rahmen des achten Zyklus der Rolex\u00a0Mentor und Meistersch\u00fcler Initiative. Die Arbeit wird an der Internationalen Architekturbiennale 2018 in Venedig ausgestellt und ist unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.nsl.ethz.ch\/it\/planning-thought-experiment\/\">\u00abOn Planning \u2013 A Thought Experiment\u00bb<\/a> im Verlag Walther K\u00f6nig in K\u00f6ln erschienen. Herausgeber sind <a href=\"mailto:kretz@arch.ethz.ch\">Simon Kretz<\/a> und David Chipperfield. Mit Beitr\u00e4gen von Benno Agreiter, Christian Weyell und dem Lehrstuhl f\u00fcr Entwurf und St\u00e4dtebau Prof. Kees Christiaanse, D-ARCH, ETH Z\u00fcrich.<\/i><\/p>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie w\u00fcrde London aussehen, wenn kollabroative Schweizer Planungspraxis anstelle von rein investitionslogischen Kriterien angewendet w\u00fcrden? Dieses Gedankenexperiment trieb Simon Kretz, Oberassistent und Dozent am Lehrstuhl f\u00fcr St\u00e4dtebau und den englischen Architekten David Chipperfield so an, dass sie dazu die Publikation \u00abOn Planning \u2013 A Thought Experiment\u00bb herausgaben. Hier das Interview.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2743,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[199],"tags":[],"departemente":[117,129,122],"newsletter_ausgabe":[332],"class_list":["post-2815","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-articoli-newsletter","departemente-dipartimento-di-architettura-d-arch","departemente-prof-ir-kees-christiaanse-it","departemente-ex-cattedre","newsletter_ausgabe-nl-37-3"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2815","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2815"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2815\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2816,"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2815\/revisions\/2816"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2743"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2815"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2815"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2815"},{"taxonomy":"departemente","embeddable":true,"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/departemente?post=2815"},{"taxonomy":"newsletter_ausgabe","embeddable":true,"href":"https:\/\/ohmynsl.capsule.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/newsletter_ausgabe?post=2815"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}